{"id":125,"date":"2020-12-07T17:20:17","date_gmt":"2020-12-07T15:20:17","guid":{"rendered":"http:\/\/schule-der-zukunft.at\/?p=125"},"modified":"2020-12-08T07:12:47","modified_gmt":"2020-12-08T05:12:47","slug":"ein-frei-day-for-future-pro-woche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schule-der-zukunft.at\/?p=125","title":{"rendered":"Ein Frei-Day for future pro Woche"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Interview mit Margret Rasfeld vom J\u00e4nner 2020, freundlicherweise zur Verf\u00fcgung gestellt von der Stra\u00dfenzeitung marie f\u00fcr die Initiative GEMEINSAM.ZUKUNFT.LERNEN \/ Verein f\u00fcr neue Wirklichkeiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>marie:<\/em><\/strong><em> Sie haben zwei Schulen gegr\u00fcndet, sie erfolgreich gef\u00fchrt, Auszeichnungen daf\u00fcr bekommen. Was zeichnet diese Schulen denn aus?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Margret Rasfeld:<\/strong> Diese \u2013 und etliche weitere \u2013 zeichnet eine andere Haltung aus: Wir trauen den Kindern sehr viel zu und bieten ihnen m\u00f6glichst viele Gelegenheiten, sich auszuprobieren. Lehrer verstehen wir als Unterst\u00fctzer des Lernprozesses und nicht als Wissensvermittler. Schulen wie diese haben das Lernen an echten Herausforderungen und Realaufgaben strukturell verankert. Denn Verantwortung zu \u00fcbernehmen, mit Ungewissheiten umzugehen oder selbstbestimmt auf Situationen zu reagieren lernt man nicht am Tisch mit Arbeitsbl\u00e4ttern. Dazu muss man sich rausbegeben ins wahre Leben. Und so haben wir einige ungew\u00f6hnliche F\u00e4cher wie \u201eVerantwortung\u201c oder \u201eHerausforderung\u201c kreiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Welche F\u00e4cher fehlen noch an unseren Schulen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen weg von den F\u00e4chern. Wir zersplittern den Schulalltag in F\u00e4cher, die nichts miteinander zu tun haben. Es w\u00e4re wichtig, \u00fcber Projekte zu lernen, Themen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Und selber aktiv zu werden, eigene Fragen stellen zu d\u00fcrfen, anstatt nach Antworten zu suchen, die als L\u00f6sung l\u00e4ngst im Lehrerhandbuch stehen \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u2026 und nur ein Richtig oder Falsch zulassen.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Genau. Und wir wundern uns dann, wenn Kinder ihre Kreativit\u00e4t verlieren! Wer zehn Jahre lang fremde Fragen beantwortet, verlernt eigene Fragen zu stellen. Am besten w\u00e4re es, man w\u00fcrde nur noch in Projekten arbeiten. Aktuell versuchen wir in Deutschland mit dem \u201eFREI-DAY for future\u201c zumindest einen Tag pro Woche f\u00fcr projektbasiertes Lernen strukturell zu verankern: also mindestens vier Stunden pro Woche dem Lernbereich Zukunft und damit Themen wie Nachhaltigkeit, Klima, Frieden zur Verf\u00fcgung zu stellen. Wissen, Handeln, Netzwerke aufbauen, um diese drei Aspekte geht es. Alleine kann keiner diesen Wandel schaffen. Wir brauchen B\u00fcndnisse und wir haben Menschen mit sehr viel Expertise, die allerdings durch die herk\u00f6mmliche Stundenplan-Taktung nicht in die Schulen reinkommen. Ein FREI-DAY k\u00f6nnte das \u00e4ndern, k\u00f6nnte Schulen f\u00fcr Netzwerke \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Worunter leiden Sch\u00fcler*innen aktuell denn am meisten?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unter Langeweile. Darunter, dass sie Dinge lernen m\u00fcssen, die wenig Sinn machen und sie nicht f\u00fcr die gro\u00dfen Themen bef\u00e4higen. Im Grunde sind sie \u00fcberfordert von fremdbestimmten Inhalten und unterfordert in ihrem Humanpotenzial. Es fehlt an Sinn und Beteiligung. Stattdessen werden Kinder und Jugendliche zu Leistungsablieferanten, gefangen im Hamsterrad, f\u00fchlen sich zunehmend krank und schlecht, weil sie glauben, nicht zu gen\u00fcgen oder zu entt\u00e4uschen. Das ist gef\u00e4hrlich und entspricht weder den Kinderrechten noch der W\u00fcrde des Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs fehlt an Sinn und Beteiligung. Stattdessen werden Kinder und Jugendliche zu Leistungsablieferanten, gefangen im Hamsterrad, f\u00fchlen sich zunehmend krank und schlecht, weil sie glauben, nicht zu gen\u00fcgen oder zu entt\u00e4uschen. Das ist gef\u00e4hrlich und entspricht weder den Kinderrechten noch der W\u00fcrde des Menschen. \u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Und die Lehrer?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Den Lehrern geht\u2019s im Grunde genauso: sie m\u00fcssen die Lehrpl\u00e4ne erf\u00fcllen, sie sitzen vielleicht bis Mitternacht, um sich nette Sachen auszudenken, wie sie die Sch\u00fcler motivieren k\u00f6nnten und sind dann entt\u00e4uscht, wenn sie diese nicht erreichen. Wenn man von einer Klasse in die andere rennen muss, wird auch Beziehung verhindert. Nur wo die Strukturen ver\u00e4ndert werden, ver\u00e4ndert sich auch f\u00fcr alle das Wohlbefinden und der Sinn. Und gleichzeitig lernen die Sch\u00fcler viel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Was hat Sie eigentlich selbst zu der P\u00e4dagogin gemacht, zu der Sie geworden sind?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin aufgewachsen in der 68er- Zeit mit all dem Engagement f\u00fcr \u00d6kologie und Frieden und gegen Atomkraftwerke. Das hat mich sehr gepr\u00e4gt und ich habe von Anfang an Projekte mit Sch\u00fclern gemacht und dabei gesehen, wie sehr sie sich begeistern lassen. Immer mehr habe ich die R\u00e4ume daf\u00fcr ge\u00f6ffnet und verankert. Zur\u00fcck zur Frage: Im Grunde also all die Erfahrungen, die du machst, wenn du losl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Aus aktuellem Anlass: In Vorarlberg wurde eine Petition gestartet, die sich gegen den wieder eingef\u00fchrten Notenzwang richtet und f\u00fcr die freie Wahl der Leistungsbeurteilung ausspricht. Was sagen Sie dazu?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Noten m\u00fcssen dringend abgeschafft werden, d\u00fcrfen nicht mal mehr zur freien Wahl stehen. Wir befinden uns aktuell in der Transformation vom \u201eH\u00f6her-Schneller- Weiter\u201c hin zur Kraft des Wir. In der Arbeitswelt hat man verstanden: F\u00fcr kreative L\u00f6sungen brauchst du heterogene Teams. Durch die Leistungsgesellschaft und das Internet landen junge Menschen allerdings im Optimierungswahn. Noten unterst\u00fctzen genau diese Ausrichtung und deshalb geh\u00f6ren sie dringendst zu Gunsten von individuellen Feedbacks abgeschafft. Future-Skills, also Metakompetenzen wie Teamarbeit, Empathie, Durchhalteverm\u00f6gen, Frustrationstoleranz, Umgang mit Fremdem usw. sind ja alle nicht ablesbar von der Note. Noten fokussieren den Vergleich, die Konkurrenz und festigen diese antiquierten Haltungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Sind wir damit bei jenen Musterbr\u00fcchen, die Sie einfordern, damit sich etwas \u00e4ndern kann?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Musterbr\u00fcche helfen uns, nicht mehr in altes Verhalten zur\u00fcckzurollen. Ein solcher Musterbruch kann die Jahrgangsmischung sein, die keine Frontalbeschallung im Gleichschritt mehr zul\u00e4sst. Oder die gewollte Heterogenit\u00e4t statt Selektion. Ja, auch Noten zu \u00fcberwinden kann ein Musterbruch sein, weil dann etwas Gewohntes wegf\u00e4llt und uns fordert, etwas Neues zu entwickeln. Wir entwerfen in Deutschland gerade eine Art \u201eAlternativw\u00e4hrung\u201c: ein digital gest\u00fctztes, \u00fcbers Handy bedienbares Feedbacksystem. Hier k\u00f6nnen Sch\u00fcler selber ihre Metakompetenzen eintragen und belegen, wie sie sie erworben haben. Da geht es also um Future Skills \u2013 nicht um Mathematik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Apropos Skills: Welche Rolle sollten die digitalen Medien in der Schule spielen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind erstmal ein sch\u00f6nes Werkzeug, wenn ich mich austauschen, einen Film drehen, mir Wissen aneignen will. Aber in der Grundschule brauchen wir sie gar nicht, da sollen die Sch\u00fcler lieber auf den Acker gehen. Im Grunde geht es um digitale M\u00fcndigkeit und diese erfordert dieselben Metakompetenzen wie nachhaltige Entwicklung und die F\u00e4higkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu f\u00fchren. Also sich zu organisieren, im Team zu arbeiten, neugierig zu sein und keine Fehlerangst zu haben. Programmieren kann man nur, wenn man immer wieder Fehler macht und daraus lernt! Und dann nat\u00fcrlich: mit Fake News umgehen, Infos bewerten k\u00f6nnen, das ist digitale M\u00fcndigkeit. Nicht einfach nur im Computer statt im Heft zu schreiben. Da steckt ja kein Systemwechsel dahinter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Was ist aus Ihrer Sicht das Um und Auf gelingender Inklusion?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Lernkultur. Inklusion hei\u00dft ja nicht, \u201eIch beziehe jetzt Kinder mit Handicap mit ein.\u201c, Inklusion hei\u00dft \u201eJeder ist anders und wir freuen uns, dass jeder anders ist.\u201c, Und weil jeder anders ist, muss es eine gro\u00dfe Vielfalt an Angebot und Lernformen geben. Die Schule heute ist Einengung pur, die kulturelle Bildung wird Nebenfach genannt, doch wenn wir auf die Wirtschaft blicken, sehen wir: Die gr\u00f6\u00dfte Kreativit\u00e4t entsteht in der heterogensten Gruppe. Dieses Strukturprinzip macht sich auch die aktuell sehr gehypte Methode des Design Thinking zunutze.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Nochmals zur\u00fcck zu \u201eh\u00f6her, schneller, weiter\u201c als nicht zukunftsf\u00e4higes Paradigma. H\u00e4ngen da aber Politik und Wirtschaft nicht noch an alten Z\u00f6pfen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00fcrde ich so nicht sagen. Die Politik war vielleicht noch nie geeignet f\u00fcr Musterbr\u00fcche, die Zivilgesellschaft ist da gefragt. Das Denken in Konkurrenz, die Orientierung am Profit statt am Menschen hat zwar alle Bereiche erfasst, aber \u00fcberall sp\u00fcrt man inzwischen auch die Bestrebungen, genau das zu \u00fcberwinden. Unternehmen wissen \u201enew work\u201c braucht \u201einner work\u201c und auch am Beispiel der Alternativen Medizin oder \u00d6ko-Landwirtschaft sehen wir: Da gibt es gro\u00dfe Entwicklungen. \u00dcberall. Und die Bildungspolitik ist halt Parteipolitik, das hat ja nicht viel mit Bildung zu tun, aber dagegen m\u00fcssen wir uns wehren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wer aber sind \u201ewir\u201c? Oder anders gefragt: Wer hat die Hebel in der Hand, um Schule zu reformieren?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am besten ist immer: von unten gewollt und von oben unterst\u00fctzt. Schulen, die etwas anders machen, m\u00fcssen hinausgehen und sich zeigen, so, wie auch Schule im Aufbruch vernetzt, inspiriert und zu einer Art Mutmachbewegung geworden ist. Bei Schule im Aufbruch \u00d6sterreich haben wir erlebt, dass auch Schulinspektoren Teil der Bewegung werden. Wer aufbricht, bekommt von uns jedenfalls Unterst\u00fctzung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte: Simone F\u00fcrnschu\u00df-Hofer, J\u00e4nner 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Margret Rasfeld vom J\u00e4nner 2020, freundlicherweise zur Verf\u00fcgung gestellt von der Stra\u00dfenzeitung marie f\u00fcr die Initiative GEMEINSAM.ZUKUNFT.LERNEN \/ Verein f\u00fcr neue Wirklichkeiten marie: Sie haben zwei Schulen gegr\u00fcndet, sie erfolgreich gef\u00fchrt, Auszeichnungen daf\u00fcr bekommen. Was zeichnet diese Schulen denn aus? 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