{"id":285,"date":"2021-03-17T12:46:46","date_gmt":"2021-03-17T10:46:46","guid":{"rendered":"http:\/\/schule-der-zukunft.at\/?p=285"},"modified":"2021-03-19T07:50:32","modified_gmt":"2021-03-19T05:50:32","slug":"bildungspanik-an-der-foerder-front","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schule-der-zukunft.at\/?p=285","title":{"rendered":"Bildungspanik: An der F\u00f6rder-Front"},"content":{"rendered":"\n<p>Dreij\u00e4hrige singen &#8222;Yes, I am very small&#8220;, Vorsch\u00fcler besuchen \u00d6konomiekurse. F\u00fcr F\u00f6rderprogramme geben Eltern Millionen aus. Experten sprechen von Bildungspanik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>An der F\u00f6rder-Front<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Sprachcenter von <a href=\"http:\/\/www.helendoron.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Helen Doron<\/a> sitzen die Kinder im Schneidersitz, blaue Taschen mit B\u00fcchern f\u00fcrs &#8222;Early English&#8220; neben sich. Heute sind nur M\u00e4dchen da, das j\u00fcngste ist drei, das \u00e4lteste f\u00fcnf Jahre alt. Sie tragen glitzernde T-Shirts mit Prinzessin-Motiv, und unter den Schuhen steht zum Teil noch Gr\u00f6\u00dfe 29. &#8222;<em>Hello girls<\/em>&#8222;, ruft die Kursleiterin. Sie hei\u00dft Anda und ihr Job ist eine Mischung aus Animateurin und Erzieherin. Die M\u00e4dchen wiegen sich mit ihr zur Musik, sie singen: &#8222;<em>Yes I&#8217;m very small.<\/em>&#8220; Sie zeigen auf ihre Nase, Finger und Knie und ringen mit Vokabeln. Der Marktf\u00fchrer Helen Doron bietet sogar ein Englischtraining <a href=\"http:\/\/www.helendoron.de\/kurse\/baby-s-best-start-bbs\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">f\u00fcr drei Monate alte S\u00e4uglinge<\/a> an.<\/p>\n\n\n\n<p>Laura*, ein blasses Kind, steht abseits, sie versteckt ihr Gesicht im Kissen. Es geht ihr scheinbar zu schnell. &#8222;<em>Are you happy oder sad<\/em>?&#8220;, fragt Anda. Laura schweigt, Theresa und Mathilda tanzen um sie herum. Die M\u00e4dchen verstehen schon einfache Fragen auf Englisch, k\u00f6nnen &#8222;<em>one, two, three, four, five little fingers<\/em>&#8220; z\u00e4hlen, den Befehl &#8222;<em>please make tiny steps on blue colour<\/em>&#8220; auf der H\u00fcpfmatte ausf\u00fchren. Begeisterung, Ratlosigkeit und Staunen zeigt sich im Wechsel auf ihren Gesichtern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit zwischen Geburt und Abitur, sagt <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2010\/36\/Rezension-Werle-Perfektionierer\">Buchautor Klaus Werle<\/a>, sei zu einer &#8222;Mischung aus Wettr\u00fcsten und Leistungsschau&#8220; mutiert. Damit die eigenen Kinder nicht im Wettbewerb von anderen abgeh\u00e4ngt w\u00fcrden, versuchten Eltern ihr Heranwachsen fr\u00fch zu steuern. Drei M\u00fctter sitzen im Wartezimmer des Sprachcenters auf Rattansesseln und plaudern. &#8222;Meine Tochter konnte sich in der Schule durch den Kurs einen Vorsprung sichern&#8220;, sagt eine mit rot geschminktem Mund und taxiert die Runde. Die andere: &#8222;Ich nehme meine Tochter jetzt bald aus dem Kurs, in der Schule sind die weiter.&#8220; Die dritte: &#8222;Meine Tochter soll mit ihren Cousinen aus New York sprechen k\u00f6nnen, Englisch brauchst Du doch heute.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter dem Spa\u00df lauert die Angst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den Kursen wird nicht gepaukt, sondern gelobt, ermuntert, gespielt. <em>Positive reinforcement<\/em> nennt das Richard Powell, der Deutschlandkoordinator von Helen Doron. Die Eltern in seinem Sprachcenter geben sich auch locker und sagen, dass sie schon mal eine Stunde ausfallen lie\u00dfen, wenn das Kind keine Lust habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch hinter all dem Spa\u00df lauert eine tiefe Angst. In der Studie <a href=\"http:\/\/www.kas.de\/wf\/de\/33.13023\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Eltern unter Druck<\/em><\/a> schreibt die <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/organisationen\/konrad-adenauer-stiftung\/index\">Konrad-Adenauer-Stiftung<\/a>: Bereits die breite Mittelschicht grenze sich massiv nach unten ab. Abstiegsangst sei die Ursache. Kinder verschiedener Schichten seien heute wie durch eine Kontaktsperre getrennt. Der Soziologe <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/heinz-bude\">Heinz Bude<\/a> spricht sogar von Ghettoisierung und <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2011\/40\/P-Protest\">Bildungspanik<\/a>, denn die Eltern denken heute: Der beste Freund meines Kindes soll nicht aus der Unterschicht kommen. Auf dem Spielplatz sollen keine Gestalten lungern, die Bier trinken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kontaktsperre zwischen Kindern verschiedener Schichten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Also ziehen sie in vermeintlich bessere Viertel, schicken ihre Kinder in gute Schulen. Ansteckungsangst nennt Bude das. Kinder m\u00fcssten aber auch andere Lebensweisen kennen, findet er. Es brauche &#8222;belastbaren Pluralismus&#8220;, damit Kinder Sozialkompetenz erlernen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.bmbf.de\/pubRD\/sachstand_nachhilfe.pdf\">\u00dcber eine Milliarde Euro pro Jahr gaben engagierte Eltern i<\/a>n Deutschland f\u00fcr die Zusatzbildung ihrer Kinder aus, dazu geh\u00f6rt allerdings auch Nachhilfe. Eine aktuelle Studie enth\u00fcllt, dass jedes dritte Grundschulkind in Deutschland angibt, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/schule\/2012-11\/umfrage-grundschule-gesundheit-stress\">unter Schulstress und Leistungsdruck zu leiden<\/a>. Kritiker orakeln bereits, dass M\u00fctter vielleicht auch deswegen so viel f\u00f6rderten, weil sie selbst viel f\u00fcr ihre Kinder aufgegeben h\u00e4tten. F\u00fcr den Soziologen Heinz Bude ist die Bildungsversessenheit Zeichen gro\u00dfer Verletzlichkeit. Besonders Eltern, die selbst Bildungsaufsteiger seien und weder Festanstellung noch Immobilienbesitz weiter vererben k\u00f6nnten, verl\u00f6ren h\u00e4ufig die Lockerheit, sagt er, wenn es um die Zukunft ihrer Kinder gehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00f6rderwelle ist auch aus Amerika hierher geschwappt: <a href=\"http:\/\/www.fastrackids.com\/de\/index.html\">FasTracKids<\/a>, etwa &#8222;Kinder auf der \u00dcberholspur&#8220; mit Sitz in Denver, unterrichtet inzwischen auch in Deutschland F\u00e4cher wie Biologie, Astronomie und Kunst, aber auch Lebensstrategien, Kommunikation, Theater und Technik. Vorschulkinder reisen virtuell zum Amazonas und lernen mithilfe eines Teddys, dass man nicht mehr Taschengeld ausgeben kann, als man hat (\u00d6konomie). Sie halten Referate, die gefilmt und besprochen werden.<br><strong><br>Die Mutter beobachtet auf dem Monitor, wie ihr Kind lernt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Mutter sitzt im Wartezimmer von FastTracKids in Hannover und starrt auf den Bildschirm an der Wand. \u00dcber den Monitor sieht sie ihr Kind im Klassenraum. Es besucht den Kurs Wunder der Natur. FasTracKids gilt als eines der ehrgeizigsten Fr\u00fchf\u00f6rderprogramme auf dem Markt. Der Kursleiter steht vor einer interaktiven Tafel. Gerade hat er die vier bis sechs Jahre alten Kinder gefragt, warum es an der T\u00fcrklinke manchmal zucke, Magnetismus f\u00fcr Vorschulkinder steht auf dem Plan.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2008\/41\/B-Familie\">Kinderpsychologe Michael Winterhoff<\/a> nennt die Haltung vieler Eltern Katastrophenmodus. Viele Erwachsene k\u00e4men heute selbst nicht mit den Ver\u00e4nderungen klar. Vom Analogen zum Digitalen mit Facebook, Twitter, der Dauererreichbarkeit auf dem Handy. Seine Diagnose: Die Eltern sind gehetzt wie der Hamster im Laufrad und geben diese Unruhe an ihre Kinder weiter. Der Kinderarzt und Erziehungsexperte Remo Largo sieht in den Kursen ein verheerendes Signal ans Kind, n\u00e4mlich: &#8222;Du bist da, um unsere Erwartungen zu erf\u00fcllen.&#8220; Sie griffen ein ins normale Entwicklungstempo der Kinder und k\u00f6nnten es \u2013 derart bevormundet \u2013 sogar unselbstst\u00e4ndig machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der FasTracKids-Lehrer schaut auf die Uhr, da meldet sich eine F\u00fcnfj\u00e4hrige: Ob das normal sei? Sie \u00f6ffnet den Mund, streckt ihre blutige Zunge heraus und h\u00e4lt pl\u00f6tzlich einen Milchzahn in der Hand. Bewegung ger\u00e4t in die M\u00e4dchenreihe. Im Kurs Wunder der Natur beh\u00e4lt damit die Natur das letzte Wort \u2013 auch die Eltern k\u00f6nnten ihr wohl wieder mehr vertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>*Alle Kindernamen wurden ge\u00e4ndert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von Stefanie Maeck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>15. Januar 2013, 16:57 Uhr<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erschienen in: Zeit Online. Zu finden unter: https:\/\/www.zeit.de\/politik\/2013-01\/Bildungspanik-Kinder-Foerderung\/komplettansicht<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dreij\u00e4hrige singen &#8222;Yes, I am very small&#8220;, Vorsch\u00fcler besuchen \u00d6konomiekurse. F\u00fcr F\u00f6rderprogramme geben Eltern Millionen aus. Experten sprechen von Bildungspanik. An der F\u00f6rder-Front Im Sprachcenter von Helen Doron sitzen die Kinder im Schneidersitz, blaue Taschen mit B\u00fcchern f\u00fcrs &#8222;Early English&#8220; neben sich. 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