{"id":99,"date":"2020-11-24T13:39:39","date_gmt":"2020-11-24T11:39:39","guid":{"rendered":"http:\/\/schule-der-zukunft.at\/?p=99"},"modified":"2020-11-24T13:40:56","modified_gmt":"2020-11-24T11:40:56","slug":"in-memoriam-remo-largo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schule-der-zukunft.at\/?p=99","title":{"rendered":"In Memoriam: Remo Largo"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u201eDer Leistungsdruck ist viel zu hoch&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ver\u00f6ffentlicht am 28.02.2009 in der Zeitschrift WELT ONLINE | <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von Insa Gall<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo geh\u00f6rt zu den bekanntesten Autoren von Erziehungsratgebern. In seinem j\u00fcngsten Buch richtet er einen neuen Blick auf gute Schule. \u201eSch\u00fclerjahre. Wie Kinder besser lernen&#8220; ist ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Schule, die vor allem auf die Bindung zwischen Sch\u00fcler und Lehrer setzt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>WELT ONLINE:<\/strong> Herr Largo, wie muss gute Schule aus Sicht eines Entwicklungsspezialisten aussehen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Remo Largo:<\/strong> Wir haben versucht, gute Schule vom Kind her zu denken. Sich geborgen zu f\u00fchlen und angenommen zu sein, sind Grundvoraussetzungen f\u00fcr erfolgreiches Lernen. Niemand zweifelt daran, dass die Bindung der Kinder an die Eltern entscheidend f\u00fcr ihre Entwicklung ist. Doch wenn die Kinder in die Schule kommen, geht man davon aus, dass sie dort emotional autonom funktionieren. Das ist sicherlich nicht der Fall. Die Kinder haben eine Bereitschaft, sich an die Lehrer zu binden und somit emotional abh\u00e4ngig zu werden. Wenn sie sich wohl f\u00fchlen, lernen sie besser. Das ist nicht \u201eNice To Have\u201c, sondern eine echte Notwendigkeit. ?Die Leistungen der Kinder h\u00e4ngen stark von den Bindungen ab, die sie eingehen. Das betrifft die Beziehung vom Kind zum Lehrer, aber auch die vom Lehrer zu den Eltern, der Kinder untereinander und letztlich auch vom Lehrer zu seinen Kollegen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WELT ONLINE:<\/strong> Wird das in unseren Schulen ber\u00fccksichtigt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Largo:<\/strong> Kaum. Beziehungen aufzubauen, hat leider keine Priorit\u00e4t und gilt als zu aufwendig. Emotionen sind in der Schule oft regelrecht tabu. Das ist nicht kindgerecht. Wenn wir nachschauen, warum manche Klassen v\u00f6llig aus dem Ruder laufen, ist ein wesentlicher Grund intensiver Lehrerwechsel. Weil die Kinder irgendwann nicht mehr bereit sind, sich zu binden, sind sie auch nicht mehr f\u00fchrbar. Das Kind muss erleben, dass es vom Lehrer gemocht und akzeptiert wird, selbst wenn es keine guten Leistungen erbringt. Zudem ist doch unglaublich: Die Eltern geben ihre Kinder 1000 Stunden im Jahr in die Schule und kennen die Personen kaum, die es betreuen. An informellen Elternabenden kann keine pers\u00f6nliche Beziehung zu den Eltern entstehen. Dazu braucht es mehr, beispielsweise Hausbesuche.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WELT ONLINE:<\/strong> Sie betonen die Bedeutung von Geborgenheit, Zuwendung und feste Bindungen f\u00fcr die Schulentwicklung eines Kindes. Das klingt nach Wohlf\u00fchlp\u00e4dagogik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Largo:<\/strong> Nat\u00fcrlich verwechseln Kritiker dies oft mit Kuschelp\u00e4dagogik. Sie wollen nicht kuschelnde, sondern kuschende Kinder. Es ist eigentlich offensichtlich, dass eine gute P\u00e4dagogik vertrauensvolle Beziehungen voraussetzt. Viele Lehrer sind oft nur dann in der Schule, wenn sie unterrichten. F\u00fcr den Aufbau der Beziehungen w\u00e4re es besser, wenn sie ihre ganze Arbeitszeit in der Schule zubr\u00e4chten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WELT ONLINE:<\/strong> Die Pisa-Studie hat den Leistungsgedanken st\u00e4rker in der Schuldiskussion verankert. Ist das verkehrt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Largo:<\/strong> Das Verdienst der Pisa-Studie ist es, deutlich gemacht zu haben, welch gro\u00dfen Unterschied es macht, ob ein Kind in einer bildungsnahen oder -fernen Familie aufw\u00e4chst. Viel mehr kann ich daraus nicht ablesen. Aber generell ist festzustellen, dass der Leistungsdruck auf die Kinder vielfach zu hoch ist. Die meisten Familien haben gerade noch ein oder zwei Kinder, und die m\u00fcssen dann zum Erfolg werden. Wichtig w\u00e4re eine Debatte dar\u00fcber, was ist Leistung oder Schulerfolg und was ist echtes Lernen? Denn diese haben oft wenig bis gar nichts miteinander zu tun. Es ist ein Missverst\u00e4ndnis zu glauben, wenn ein Kind in der Schule erfolgreich ist, hat es auch etwas gelernt. Denn es wird zu viel auswendig gelernt, abgepr\u00fcft und dann gleich wieder vergessen. Erinnern wir uns an den Mathematik-Unterricht: Was ist uns geblieben, was brauchen wir heute noch? Meist sind es leider keine kind- und entwicklungsgerechten Argumente, die das Curriculum bestimmen. Echte Bildung orientiert sich an der kindlichen Entwicklung und wird nicht ausschlie\u00dflich von den Erwachsenen bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WELT ONLINE:<\/strong> Was muss ein guter Lehrer f\u00fcr seinen Beruf mitbringen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Largo:<\/strong> Der Lehrer begreift sich als Spezialist f\u00fcr das Kind als ein lernendes Wesen. Meist wird er heute \u00fcber sein Fach definiert, und das ist falsch. Ein guter Lehrer ist f\u00fcr mich einer, der sich f\u00fcr das Kind, und nicht nur f\u00fcr das Fach interessiert, f\u00fcr den schwache Kinder eine Herausforderung und nicht eine Belastung bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WELT ONLINE:<\/strong> Wie gro\u00df ist der Anteil der Lehrer, die f\u00fcr ihren Beruf geeignet sind?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Largo:<\/strong> Die Auslese f\u00fcr den Lehrerberuf l\u00e4uft leider h\u00e4ufig falsch. Ich w\u00fcrde empfehlen, dass all diejenigen, die Lehrer werden wollen, erst einmal ein halbes Jahr mit Kindern verbringen. Dann merken sie von selbst, ob sie geeignet sind, oder ihre Ausbilder weisen sie darauf hin. Sie m\u00fcssen als Lehrer f\u00e4hig sein, auf die Vielfalt der Sch\u00fcler und ihrer Lernst\u00e4nde einzugehen, indem sie den Unterricht individualisieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WELT ONLINE:<\/strong> In <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/hamburg-staedtereise\/\">Hamburg<\/a> wird das Schulsystem 2010 komplett umgestellt. Was halten Sie von der Reform?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Largo:<\/strong> Wenn man nur auf die Struktur schaut, blickt man zu kurz. Bedeutsam ist nicht nur die Struktur, sondern vor allem das p\u00e4dagogische Konzept. Man kann die Kinder noch so lange immer wieder anders einteilen, letztlich ist entscheidend, was p\u00e4dagogisch umgesetzt wird. Wie weit wird beispielsweise der Unterricht individualisiert? Ohne Individualisierung wird l\u00e4ngeres gemeinsames Lernen nicht funktionieren. Tut man es, garantiert dies noch nicht den Erfolg, aber es ist eine notwendige Voraussetzung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WELT ONLINE:<\/strong> K\u00f6nnen Lehrer innerhalb eines Jahres mit einer Fortbildungsoffensive so fit gemacht werden, dass sie auch sehr gemischte Lerngruppen bestm\u00f6glich f\u00f6rdern k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Largo:<\/strong> Die Offensive ist auf jeden Fall begr\u00fc\u00dfenswert. Wenn sie das in so kurzer Zeit schaffen, dann haben sie meine echte Bewunderung. Mein dringender Rat w\u00e4re, nicht aufzugeben, wenn das Ziel in 2010 noch nicht erreicht ist, sondern weiterzumachen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WELT ONLINE:<\/strong> Auch die Noten sollen bis zur sechsten Klasse abgeschafft werden, stattdessen gibt es Kompetenzraster.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Largo:<\/strong> Wenn man konsequent individualisiert, machen Noten keinen Sinn mehr. Sie sollten durch Kompetenzraster ersetzt werden. Diese werden als sehr aufwendig eingesch\u00e4tzt, kosten aber im Schulalltag weniger Zeit als bef\u00fcrchtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WELT ONLINE:<\/strong> Viele Eltern sagen, dass ihre Kinder durch Noten eher motiviert werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Largo:<\/strong> Das ist eine Frage der Lebenshaltung. Wenn Sie davon ausgehen, dass Kinder nur etwas leisten, wenn sie einen Anreiz haben, beispielsweise durch Noten, dann kann man das schon machen. Ich denke, weite Teile der Bev\u00f6lkerung denken leider so. Aber Noten beg\u00fcnstigen nur das Lernen f\u00fcr die Pr\u00fcfung. Wenn Kinder entwicklungsgerecht lernen d\u00fcrfen, lernen sie aus sich heraus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WELT ONLINE:<\/strong> Lassen sich soziale Unterschiede durch Schule ausgleichen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Largo:<\/strong> Wenn die Kinder in die Schule kommen, dann ist der Zug schon abgefahren. Wer etwas verbessern will, muss im Vorschulalter ansetzen. R\u00fcckst\u00e4nde beispielsweise in der Sprachkompetenz, die sich in den ersten f\u00fcnf Lebensjahren einstellen, lassen sich sp\u00e4ter kaum noch aufholen. Dem l\u00e4ngeren gemeinsamen Lernen und damit einer sp\u00e4teren Aufteilung der Kinder kommt dagegen eine gro\u00dfe Bedeutung bei der Sozialisierung zu.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WELT ONLINE:<\/strong> Wann sollte die Entscheidung f\u00fcr eine weiterf\u00fchrende Schule fallen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Largo:<\/strong> Es gibt keine guten p\u00e4dagogischen Gr\u00fcnde, die Kinder zu fr\u00fch zu trennen, sondern nur sozialpolitische und elit\u00e4re, die pseudop\u00e4dagogisch begr\u00fcndet werden. Deutschland beendet die Gesamtschule in der vierten Klasse, die Schweiz in der sechsten und Finnland erst in der neunten Klasse. Wer ist Pisa-Weltmeister? Finnland. Eine Gesamtschule ist also offensichtlich kein Nachteil \u2013 sofern das p\u00e4dagogische Konzept stimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Leistungsdruck ist viel zu hoch&#8220; Ver\u00f6ffentlicht am 28.02.2009 in der Zeitschrift WELT ONLINE | Von Insa Gall Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo geh\u00f6rt zu den bekanntesten Autoren von Erziehungsratgebern. In seinem j\u00fcngsten Buch richtet er einen neuen Blick auf gute Schule. \u201eSch\u00fclerjahre. 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