Staatlicher Eingriff in die Biographie eines Menschen oder Zeugnis ist nicht gleich Zeugnis

Melinda, sie wächst mehrsprachig auf, und Thomas, er ist der Sohn zweier waschechter österreichischer Akademiker, sowie Matteo und Emine kommen im nächsten Schuljahr in ein Gymnasium, Achmed in eine Mittelschule. Susannes Eltern hätten gerne ihr Kind in jenem Gymnasium gesehen, dessen Konzept sie sich für ihre Tochter gewünscht hätten. Leider wird ihr Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Ihre Tochter hat im Fach Deutsch „nur“ ein Gut im Volksschulzeugnis. Da dieses Gymnasium mehr Anmeldungen als Plätze hat, genügt dieses tolle Zeugnis leider nicht zur Aufnahme. Der Wunsch von Thomas Eltern dagegen wird in Erfüllung gehen, auch wenn ihr Sohn ebenso ein „Gut“ im Zeugnis hat. Sie haben ihren Sohn in ein anderes Gymnasium angemeldet, welches einen medialen Schwerpunkt hat, was seinen Eltern als äußerst zukunftsträchtig erscheint. Matteos Eltern wollen ebenso, dass ihr Sohn in das Wunschgymnasium von Susannes Eltern kommt, was so sein wird. Er hat alles „Sehr gut“, obwohl seine Leistungen in Deutsch keineswegs so toll sind, wie dessen Note vermuten lässt. Susanne hatte jedoch eine Lehrerin, die es mit der Notenwahrheit recht genau genommen hat, während Matteos Lehrerin nachsichtiger war und nicht so viel von ihren Schülerinnen und Schülern verlangt hat. Ahmed wurde als nicht gymnasialreif eingestuft, er hatte dieselbe Lehrerin wie Susanne, Emine dagegen kommt in ein Gymnasium, sie hatte dieselbe Lehrerin wie Matteo. 

5 Kinder, 5 unterschiedliche Weggabelungen. Was wäre gewesen, wenn… 

Fragen, die sich mir immer stelle, wenn ich eine neue erste Klasse in Deutsch erhalte. Warum haben die Eltern von X unsere Schule gewählt, wenn sie doch bei jeder Gelegenheit unser Konzept in Frage stellen. Wie kann es sein, dass Y dieselbe Note in Deutsch hatte wie Z. Warum durfte L nicht in unserer Schule aufgenommen werden, obwohl er in Deutsch, meiner Meinung nach, sich kein Gut, sondern ein Sehr gut in der Volksschule verdient hätte und seine Eltern sich dies so sehr gewünscht haben, dass ihr Sohn zu uns kommt, weil sie das Konzept unserer Schule so unterstützen. Und, und, und… 

Aber vielleicht sind diese Fragen ja gar nicht so wichtig. Vielleicht ist ja unser Schicksal, wie manche glauben, ohnehin vorbestimmt. Oder aber vielleicht ist die Kraft des Einzelnen so groß, dass es ohnehin gleich ist, in welche Schule er kommt. Oder aber steht ja ohnehin jedem auch nach der Unterstufe jeder Weg offen, wie ich immer wieder lese und höre… 

Was ist aber, wenn der staatliche Eingriff in eine Biographie dazu führt, dass wir nicht alle die gleichen Chancen haben, wenn ein Zeugnis doch größere Auswirkungen hat auf unser Leben, auf unsere Zukunft…

Markus Astner

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